Studienberatung

Studieren oder nicht studieren, das ist hier die Frage

Für wen ist ein Studium in Österreich wirklich sinnvoll – und woran erkennen Sie das bei sich selbst? Psychologische Orientierung statt Gehaltsvergleich.

Mag. Beatrix Höfinger
11 min read
Studieren oder nicht studieren, das ist hier die Frage

Jedes Jahr stehen tausende Maturantinnen und Maturanten in Österreich vor derselben Weggabelung. Das Zeugnis ist da, die Inskriptionsfristen rücken näher — und trotzdem fühlt sich keine Entscheidung richtig an. Rund 42 % aller Matura-Absolventinnen und -Absolventen beginnen innerhalb eines Jahres ein Studium. Die anderen 58 % wählen Lehre, Berufseinstieg, Auslandsjahr — oder sie bleiben unentschieden. Genau diese Gruppe findet in den meisten Artikeln kaum Orientierung. Die bestehenden Texte vergleichen Einstiegsgehälter und Aufstiegschancen. Das sind wichtige Fakten. Aber sie beantworten die eigentliche Frage nicht: Ist ein Studium für mich der richtige Weg — und woher soll ich das wissen? Dieser Artikel nähert sich der Frage von einer anderen Seite: nicht finanziell, sondern psychologisch. Nicht mit einer Checkliste, die für alle passt, sondern mit Fragen, die Sie zu sich selbst führen.

Warum die Studienfrage so viele lähmt — und was wirklich dahintersteckt

Wenn alle Optionen offenstehen, fällt die Wahl schwerer, nicht leichter. Psychologen nennen das Entscheidungsparalyse: Zu viele gleichwertige Möglichkeiten blockieren das Handeln, weil jede Wahl automatisch den Verzicht auf alle anderen bedeutet. Nach der Matura ist dieses Phänomen besonders ausgeprägt. Studium, FH, Lehre mit Matura, Auslandsjahr, direkter Berufseinstieg — alle Wege stehen gleichzeitig offen, und keiner davon ist offensichtlich falsch.

Dazu kommt Druck von mehreren Seiten gleichzeitig. Eltern haben Vorstellungen. Die Peer-Gruppe inskribiert sich. Der Arbeitsmarkt sendet widersprüchliche Signale: Einerseits werden Akademikerinnen und Akademiker gesucht, andererseits fehlen Fachkräfte in handwerklichen und technischen Berufen. In dieser Gemengelage verlieren viele junge Menschen den Zugang zur eigenen Einschätzung.

Was ich in meiner Beratungspraxis immer wieder beobachte, lässt sich in drei Mustern beschreiben:

Muster 1: Der reibungslose Konsens. Wenn jemand mir erzählt, er habe schon immer Jus studieren wollen, die Eltern fänden das großartig, und er selbst habe keine einzige Gegenfrage an diesen Wunsch — dann ist das für mich kein Zeichen von Klarheit. Es ist ein Zeichen, dass dieser Wunsch nie wirklich getestet wurde. Echte eigene Wünsche erzeugen fast immer irgendwo Reibung.

Muster 2: Die Begründung kommt vor dem Wunsch. Wer mit einer fertigen Argumentationskette kommt, Arbeitsmarktzahlen kennt, Gehaltsstatistiken zitiert — der hat oft sehr gründlich nachgedacht, aber nicht gespürt. Der Kopf hat die Arbeit übernommen, die eigentlich woanders hätte stattfinden sollen.

Muster 3: Die Unmöglichkeit der Alternative. Eine Frage, die ich fast immer stelle, lautet: „Was würde passieren, wenn Sie etwas völlig anderes machen würden?" Die Antworten, die mich nachdenklich machen, sind nicht die ablehnenden — sondern die leeren. Wenn jemand auf diese Frage gar keine Vorstellung entwickeln kann, ist der Studienwunsch oft weniger ein Wunsch als ein Horizont. Er markiert die Grenze des Vorstellbaren — nicht das Ziel.

Was ein Studium in Österreich konkret bedeutet — Fakten ohne Schönfärberei

Bevor es um die psychologische Dimension geht, braucht es eine ehrliche Faktenbasis. Ein Bachelorstudium dauert in Österreich in der Regel sechs bis acht Semester, ein Masterstudium weitere vier Semester. Die tatsächliche Studiendauer liegt häufig darüber. Die Abbruchquote beträgt je nach Studienrichtung rund 30 % — ein Wert, der nicht als Versagen zu lesen ist, sondern als Zeichen dafür, dass viele Studienanfängerinnen und -anfänger die Entscheidung ohne ausreichende Grundlage treffen.

Akademikerinnen und Akademiker verdienen im Median mehr als Personen mit Matura als höchstem Abschluss. Das ist ein realer Vorteil. Aber Gehalt ist ein Faktor unter mehreren — und für manche Menschen nicht der entscheidende.

WegDauerKosten / LebensunterhaltTypisches EinstiegsgehaltFlexibilitätZugangsvoraussetzungen
Universitätsstudium6–10 Sem. Bachelor + 4 Sem. MasterStudiengebühren gering; Lebensunterhalt selbst zu tragen€ 2.200–3.500 brutto (je nach Fach)Hoch (Zeiteinteilung)Matura; teils Aufnahmetest
FH-Studium6 Sem. Bachelor + 4 Sem. MasterÄhnlich Uni; teils Studiengebühren€ 2.400–3.800 bruttoMittel (Präsenzpflicht)Matura + Aufnahmeverfahren
Lehre mit Matura2–4 Jahre Lehre + BRPLehrlingsentschädigung während Ausbildung€ 1.800–3.200 brutto (je nach Branche)MittelMatura; Lehrvertrag
Direkter BerufseinstiegSofortEigenes Einkommen ab Tag 1€ 1.700–2.500 bruttoHochMatura; je nach Stelle

Gehaltsangaben sind Richtwerte; tatsächliche Werte variieren stark nach Branche, Region und Betrieb.

Für wen ein Studium sinnvoll sein kann — und woran Sie das bei sich erkennen

Das ist die Kernfrage dieses Artikels. Und die ehrliche Antwort lautet: Es gibt kein universelles Kriterium. Aber es gibt Signale — bei sich selbst — die eine Orientierung bieten.

In meiner ersten Beratungsstunde stelle ich zwei Fragen, die mehr verraten als jeder Berufseignungstest:

Erste Frage: „Stellen Sie sich vor, Sie studieren seit zwei Jahren — und es ist schwerer als erwartet. Was hält Sie trotzdem dort?" Was diese Frage misst: nicht Begeisterung, sondern Substanz. Wer auf Anhieb antwortet — auch unsicher, auch tastend — hat etwas Eigenes. Wer sofort gegenfrägt oder zu allgemeinen Formulierungen greift, hat meistens noch keinen inneren Grund gefunden. Nur einen äußeren Anlass.

Zweite Frage: „Wann haben Sie zuletzt etwas getan, das niemand von Ihnen erwartet hat — und wie hat sich das angefühlt?" Diese Frage misst, wie vertraut jemand mit eigener Entscheidungsautonomie ist. Ein Studium, das auf diesem Muskel basieren soll, steht auf unsicherem Grund, wenn dieser Muskel kaum je benutzt wurde.

Signale, die für ein Studium sprechen

  • Das Thema interessiert Sie unabhängig vom Abschluss — Sie würden sich damit auch ohne Prüfungsdruck beschäftigen.
  • Ihr Berufsziel erfordert zwingend einen akademischen Abschluss (z. B. Medizin, Jus, Lehramt).
  • Sie haben Freude an theoretischer Auseinandersetzung und schriftlicher Arbeit.
  • Die Entscheidung kommt aus Ihnen heraus — nicht primär aus dem Wunsch, Erwartungen zu erfüllen.
  • Sie können sich vorstellen, auch in schwierigen Phasen weiterzumachen — und wissen ungefähr warum.
  • Signale, die zur Vorsicht mahnen

  • Sie können nicht beschreiben, was Sie am Studieninhalt konkret interessiert — nur am Abschluss.
  • Die Hauptmotivation ist, keine andere Entscheidung treffen zu müssen.
  • Sie fühlen sich von der Entscheidung erschöpft, nicht aufgeregt — schon vor Studienbeginn.
  • Die Alternative zum Studium wurde nie ernsthaft gedacht, weil sie „nicht in Frage kommt".
  • Sie inskribieren sich hauptsächlich, weil alle anderen es auch tun.
  • Orientierungsproblem oder Identitätsproblem? Es gibt einen erheblichen psychologischen Unterschied zwischen „Ich kann mich zwischen zwei Studienrichtungen nicht entscheiden" und „Ich zweifle grundsätzlich, ob Studium das Richtige für mich ist." Das erste ist ein Orientierungsproblem — lösbar durch Information, Gespräche, ein Semester Ausprobieren. Das zweite ist ein Identitätsproblem. Es braucht einen anderen Gesprächsraum. Wer ein Identitätsproblem mit Orientierungswerkzeugen angeht, löst nichts. Er schichtet nur neue Oberfläche über eine offene Frage.

    Gymnasium, HTL, HAK — und Alternativen, die oft unterschätzt werden

    Kein bestehender Artikel differenziert nach Schultyp. Dabei ist der Ausgangspunkt je nach Schulform ein völlig anderer.

    AHS / Gymnasium: Hier herrscht oft ein implizites „Studium ist selbstverständlich"-Klima. Wer aus einem Gymnasium kommt und nicht studiert, muss das häufiger erklären — gegenüber Eltern, Lehrpersonen, dem eigenen Selbstbild. Das erzeugt Druck in eine Richtung, der schwer zu benennen ist, weil er nie explizit ausgesprochen wird.

    HTL: Absolventinnen und Absolventen technischer Lehranstalten haben bereits praxisnahe, marktrelevante Qualifikationen. Viele Betriebe suchen sie direkt nach der Matura. Die Abwägung lautet hier nicht „Studium oder gar nichts", sondern „FH oder Berufseinstieg oder Uni" — und das ist eine substanziell andere Entscheidung.

    HAK / HAS: Kaufmännische Schulen vermitteln betriebswirtschaftliche Grundlagen, die am Arbeitsmarkt direkt verwertbar sind. Gleichzeitig öffnet die Matura den Weg zu wirtschaftswissenschaftlichen Studien. Manche Absolventinnen und Absolventen erleben das als Privileg, manche als Unklarheit.

    Der Schultyp prägt das Selbstbild — und damit die Frage, welche Wege überhaupt als „für mich passend" wahrgenommen werden. Es lohnt sich, diesen Filter bewusst zu machen, bevor man eine Entscheidung trifft.

    Die Entscheidung für oder gegen ein Studium ist keine Entscheidung zwischen Erfolg und Misserfolg. Es gibt in Österreich Wege, die gleichwertige Perspektiven bieten:

    • FH-Studium: Praxisorientierter als ein Universitätsstudium, mit Aufnahmeverfahren und oft besseren Betreuungsquoten. Besonders für Menschen, die strukturiertes Lernen mit klarem Berufsbezug suchen.
    • Lehre mit Matura: Doppelte Qualifikation — Berufsausbildung und Studienberechtigung gleichzeitig. Einkommen während der Ausbildung. Dieser Weg wird von Gymnasiastinnen und Gymnasiasten systematisch unterschätzt.
    • Berufsbegleitende Kollegs und Akademien: Für Menschen, die erst arbeiten und dann weiterqualifizieren möchten — oder die Klarheit brauchen, bevor sie eine längere Ausbildung beginnen.
    • Auslandsjahr / Freiwilligendienst: Keine Flucht vor der Entscheidung, sondern eine Möglichkeit, Selbstwirksamkeit zu erleben, bevor man sich bindet. Manche Menschen treffen nach einem Jahr im Ausland klarere Entscheidungen als nach zehn Beratungsgesprächen. Mehr dazu im Artikel Gap Year: Auszeit oder Studienvorbereitung — was passt zu Ihnen?

    Eine strukturierte Übersicht zu Bildungswegen bietet die Österreichische Hochschüler:innenschaft (ÖH) mit Informationen zu Studium, Inskription und Alternativen.

    Wenn die Entscheidung gegen das Studium die richtigere ist — und wie Sie jetzt einen klaren Kopf bekommen

    Nicht jede Beratung endet mit einem Studienplan. Manchmal ist das Ergebnis eines offenen Gesprächs das Gegenteil dessen, womit jemand hereingekommen ist.

    Was ich in solchen Fällen beobachte: Junge Menschen, die den Mut aufbringen, einen gesellschaftlich erwarteten Weg zu verlassen, brauchen dafür selten mehr Information. Sie brauchen Erlaubnis. Die Erlaubnis, einen Wunsch loszulassen, den sie nie wirklich als ihren eigenen erlebt haben. Eine Entscheidung, die aus echtem Abwägen kommt statt aus Erwartungserfüllung, trägt sich anders. Sie braucht weniger Rechtfertigung nach außen, weil sie innen verankert ist.

    Wenn Sie merken, dass Sie die Studiumsfrage vor sich herschieben — nicht weil Sie faul sind, sondern weil jede Antwort sich falsch anfühlt — dann ist das oft ein Hinweis, dass die Frage tiefer liegt als die Wahl zwischen Studienrichtungen. Genau dafür gibt es psychologische Studienberatung.

    Orientierung entsteht nicht durch mehr Nachdenken. Sie entsteht durch andere Fragen und andere Gespräche. Fünf erste Schritte:

    1. Schreiben Sie auf, wer außer Ihnen von Ihrer Studiumsentscheidung profitieren würde. Das klingt ungewöhnlich. Es zeigt Ihnen, wie viel Fremdmotivation in der Entscheidung steckt.
    2. Sprechen Sie mit jemandem, der Ihren Wunschberuf tatsächlich ausübt — nicht mit Eltern oder Lehrpersonen. Eine Person, die den Alltag kennt, gibt Ihnen mehr als jeder Studienführer.
    3. Lesen Sie sich in das Thema ein, das Sie studieren möchten — nicht den Studienplan, sondern Fachliteratur, Podcasts, Berichte aus der Praxis. Wenn das Interesse nach zwei Wochen noch da ist, ist das ein gutes Zeichen.
    4. Machen Sie den Kompass-Check auf Studikompass.at. Mit einer Investition von 350 Euro kommen Sie zur echten Klarheit: Zum Kompass-Check.
    5. Wenn die Unklarheit bleibt: Holen Sie sich psychologische Studienberatung. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist Selbstverantwortung. Und es spart im Zweifel Jahre.

    FAQ

    Muss ich sofort nach der Matura entscheiden, ob ich studiere?

    Nein. Die Inskriptionsfristen in Österreich erlauben es, die Entscheidung um ein Jahr zu verschieben, ohne dauerhaft etwas zu verpassen. Ein bewusstes Gap Year kann mehr Klarheit bringen als eine übereilte Inskription. Wichtig ist, die Auszeit aktiv zu gestalten — mit konkreten Erfahrungen, nicht nur mit Aufschub.

    Was, wenn meine Eltern wollen, dass ich studiere, ich aber unsicher bin?

    Elterliche Erwartungen sind ein realer Faktor — aber kein ausreichender Grund für eine mehrjährige Ausbildungsentscheidung. Es kann helfen, das Gespräch mit den Eltern zu suchen und dabei klar zu unterscheiden: Was sind ihre Wünsche, was sind meine? Wenn diese Unterscheidung schwerfällt, ist das oft ein Hinweis, dass externe Unterstützung sinnvoll wäre.

    Ist ein Studium in Österreich wirklich kostenlos?

    Nicht ganz. Das Studium an öffentlichen Universitäten ist für EU-Bürgerinnen und -Bürger in der Regel gebührenfrei oder kostengünstig. Der wesentliche Kostenfaktor ist der Lebensunterhalt während der Studienzeit — Miete, Lebensmittel, Mobilität. Wer keine familiäre Unterstützung hat, muss diesen Faktor realistisch einplanen.

    Wie erkenne ich, ob meine Studienmotivation tragfähig ist?

    Eine einfache Probe: Stellen Sie sich vor, Sie studieren seit zwei Jahren — und es ist schwerer als erwartet. Was hält Sie trotzdem dort? Wer auf diese Frage eine eigene, konkrete Antwort findet, hat eine tragfähigere Motivation als jemand, der allgemeine Formulierungen verwendet. Es geht nicht um Perfektion, sondern um einen echten inneren Grund.

    Was ist der Unterschied zwischen Unentschlossenheit bei der Studienrichtung und grundsätzlichen Zweifeln am Studium?

    Das ist ein erheblicher Unterschied. Wer zwischen zwei Studienrichtungen schwankt, hat das Studium als Rahmen bereits akzeptiert — das ist ein lösbares Orientierungsproblem. Wer grundsätzlich zweifelt, ob Studium überhaupt das Richtige ist, steht vor einer tieferen Frage. Diese lässt sich nicht mit mehr Information lösen. Sie braucht einen anderen Gesprächsraum — und oft professionelle Begleitung.

    Zur persönlichen Beratung

    Wenn Sie nach dem Lesen dieses Artikels merken, dass die Frage für Sie noch offen ist — machen Sie den ersten Schritt. Mit dem Kompass-Check bekommen Sie eine strukturierte Grundlage für Ihr Gespräch, und mit einer psychologischen Studienberatung kommen Sie zur Klarheit, die Sie für eine tragfähige Entscheidung brauchen.

    Dieser Beitrag ersetzt keine klinische Beratung.

    Über die Autorin

    Ihre Expertin für psychologische Studienberatung

    Mag. Beatrix Höfinger, MA

    Mag. Beatrix Höfinger, MA

    Klinische und Gesundheitspsychologin

    Mit über 30 Jahren Erfahrung in der psychologischen Studien- und Berufsberatung hat Mag. Höfinger hunderte Studierende erfolgreich bei ihrer Studienwahl begleitet und den Kompass-Check als evidenzbasiertes Beratungsverfahren entwickelt.

    30+ Jahre Erfahrung100+ beratene Studierende90%+ Erfolgsquote

    Qualifikationen

    Magistra der Psychologie, Universität Wien
    Master of Arts in Bildungsberatung
    Klinische und Gesundheitspsychologin (BÖP)
    Zertifizierte Berufs- und Studienberaterin
    30+ Jahre Beratungserfahrung

    Kontakt

    Praxis: Halbgasse 1A, 1070 Wien
    Telefon: 0664-8111696